Vom Apostroph, der mehr sein wollte
21. August 2009Früher fristete der kleine Apostroph ein tristes Dasein. Abgehängt am oberen Zeilenrand schwebte er dort als unscharfes Spiegelbild des deutlich häufiger beschäftigten Kommas scheinbar in Überlebensgefahr. Ebenso wie über sein Geschlecht (der oder das Apostroph?) wurde auch über seinen Verwendungszweck mehr spekuliert als ernsthaft unterrichtet. Die deutsche Rechtschreibung schien für das drollige „einbeinige Gänsefüßchen“ keinen rechten Platz zu bieten.
So wurde mir zum Beispiel in der Grundschule beigebracht: „Das Apostroph“, meine Lehrerin ging damals von einem neutralgeschlechtlichen Satzzeichen aus, „verwendet man immer dann, wenn ein Buchstabe weggelassen wird.“ Ende der angeblich alles verdeutlichenden Erklärung.
Neugierige Nachfragen, ob man in dem Fall nicht mit dem Apostroph das gesamte Alphabet in Rente schicken könne, wurden mit dem Zusatz: „Das braucht ihr aber auch nicht weiter beachten, lasst einfach den Buchstaben nicht weg – sieht eh besser aus“ abgewehrt.
Wen verwundert es da, dass der inzwischen immerhin geschlechtsreife Apostroph dieser Tage aus der Rolle des unbeliebten Außenseiters ausbricht und nach Größerem strebt?
Während er in der deutschen Zeichensetzung über viele Jahre hinweg weitestgehend in Ruhe gelassen wurde, konnte sich der Apostroph auf sein Auslandsstudium konzentrieren und in der englischen Sprache mit seinem neuen Freund, dem „s“, große Erfolge an Wortenden feiern. Nunmehr zurück in der deutschen Sprache möchte der Apostroph an diese Erfolge anknüpfen und bietet sich bereitwillig jedem an, der seinem staubigen Wortgeflatter mit dem neckischen Zeichen etwas internationalen Chic (oder nach neuer Rechtschreibung: Schick) einhauchen möchte.
Mit dieser Taktik ist der Apostroph zum wahren Multifunktions-Satzzeichen mutiert. Der Schlingel wird inzwischen derart häufig (falsch) gebraucht, dass sich viele Menschen gar nicht mehr erinnern, wann er denn nun im Deutschen wirklich gesetzt gehört und wann nicht?
Nicht nur übermotivierte Gastronomen …
(Aus: Ständig Wechselnde Tages Special’s !!!)
… auch professionelle Schreiber kommen durcheinander, wenn es um den richtigen Einsatz des Apostrophs geht. (Aus: Professionelle Schreibfehler)
Eine große Marke schützt nicht vor kleinen Satzzeichen-Fehlern.
(Aus: Tchibo und der Apostroph)
Todsünde Inkonsistenz: „Desserts“ ohne, aber „Menü’s“ im Plural mit Apostroph. Man beachte zudem die Schreibweise des Joghurts…
(Aus: Schreibfehler im IKEA Bistro)
Kommentare
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David Rekowski | 21.08.2009
Weitere tolle Beispiele von Apostrophose gibt es unter http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,283728,00.html
Die korrekte Verwendung des Apostrophs schön zusammengefasst von Sebastian Sick ist zu finden unter http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,283781,00.html
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